Der genaue Blick der Forschung, zeigt, dass gerade auf dem Höhepunkt des Mittelalters der "Ursprung der Moderne" liegt. Es ist das 12./13. Jahrhundert, das die Neuzeit heraufführt: die Entscheidung für eine alle Weltdeutungen erfassende wissenschaftliche Weltsicht, die Entwicklung einer in der Idee des Individuums zentrierten neuen Form des bewussten Lebens und die Entdeckung der Natur als einer Dimension eigenen Sinns. Dass diese Entwicklung auf der Höhe des Mittelalters einsetzt, ist kein Zufall. Auf dem Hintergrund eines weltgeschichtlich singulären Austauschs der Kulturen kommt es zu einer geradezu dramatischen Begegnung zwischen der christlichen Theologie und der griechisch-arabischen Wissenschaft. Sie bringt die neuen, der Antike fremden Themen auf die Tagesordnung: Freiheit und Kontingenz, Geschichte und Individualität, Natur und Erfahrung.
Die landläufige Meinung hält das Mittelalter für ein Museum vergangener Lebensformen - eine Zwischenzeit, gegen deren Widerstand die Neuzeit Humanismus und Aufklärung allererst durchsetzen musste.
